Managementsysteme straffen die Organisation, verbessern die unternehmerische Effizienz und machen Unternehmen wirtschaftlich erfolgreicher. Die Frage ist, gilt das nur für wirtschaftliche "Schönwetterperioden" oder besteht gar die Gefahr, dass in wirtschaftlichen Krisen die Systeme versagen.

Managementsysteme sind von ihrer Natur aus nach innen, ins Unternehmen gerichtet. Sie beantworten vornehmlich die Frage, welche Aktionen werden in entsprechenden Situationen in einem Unternehmen durchgeführt. Das gilt selbst für Kunden-, Lieferanten- oder Risikomanagementsysteme, die sich auch mit Einflüssen, die außerhalb des Unternehmens liegen, beschäftigen.

Jede Aktion, jede Entscheidung in einem Unternehmen beeinflusst nicht nur das Unternehmen und seine Mitarbeiter sondern auch Interessengruppen außerhalb des Unternehmens (s. Shareholder Value). Das Unternehmen und seine Entscheider müssen für Ihre Entscheidungen die Verantwortung übernehmen. Diese Verantwortung ist sehr weitreichend, wenn man bedenkt, dass sich bestimmte Ressourcen wie z.B. fossile Energien nur einmal verwenden lassen.

Auf Grund des sich verändernden Klimas und der nach wie vor bestehenden sozialen Ungerechtigkeit wurde ein System entwickelt, das Unternehmen in die Lage versetzen soll, sich dieser Verantwortung zu stellen, die verschiedenen Interessengruppen bei Entscheidungen zu berücksichtigen sowie nachhaltig zu handeln.

Reifestufen von UnternehmenBasierend auf einer in jedem Unternehmen anzutreffenden Ausgangssituation (Corporate Definition) durchläuft das Unternehmen mehrere Reifestufen, bis es Environmental Responsibility als höchste Stufe erreicht. Die Stufen sind durch die eingeführten Managementsysteme referenziert.

 

Shareholder Value

Einige Unternehmen haben erkannt, dass sie nur erfolgreich und nachhaltig wirtschaften können, wenn sie allen Anspruchsgruppen oder Personen, die ein Interesse an den Produkten, dem Unternehmen haben oder in irgendeiner Form von den Aktivitäten des Unternehmens betroffen sind, bei ihren Entscheidungen berücksichtigen.

Aus diesen Überlegungen wurde der Stakeholder Value Ansatz entwickelt, der versucht das Unternehmen in seinem gesamten sozialökonomischen Kontext zu erfassen und die Bedürfnisse der unterschiedlichen Anspruchsgruppen in Einklang zu bringen. Wird der Ansatz verletzt, kann dies Widerstand von Anspruchsgruppen bedeuten, der wiederum den wirtschaftlichen Erfolg begrenzt.

Der Shareholder Value Ansatz beruht zu einem großen Teil auf Glaubwürdigkeit. Glaubwürdigkeit kann nur erlangt werden, wenn das Unternehmen langfristig nachhaltig handelt.Stakeholder von Unternehmen

Nachhaltigkeit

Das Konzept der Nachhaltigkeit beschreibt die Nutzung eines regenerierbaren Systems in einer Weise, dass dieses System in seinen wesentlichen Eigenschaften erhalten bleibt und sein Bestand auf natürliche Weise regeneriert werden kann. Nachhaltigkeit ist in die Zukunft gerichtet, nach dem Motto: der zukünftigen Generation dürfen keine "Schulden" hinterlassen werden. Um dies auch nur annähernd zu erreichen dürfen Ressourcen nur im notwendigen Umfang "verbraucht" werden.

Nachhaltigkeit berücksichtigt drei Aspekte, auch Säulen genannt:

  • integriendes Nachhaltigkeitsdreieck - Zusammenführung von Ökologie, Ökonomie und Sozialemökologische Nachhaltigkeit:
Sie fordert Natur und Umwelt für die nachfolgenden Generationen zu erhalten und umfasst Klimaschutz, Artenvielfalt, die Pflege von Kultur- und Landschaftsräumen und generell einen schonenden Umgang mit der Natur.
  • ökonomische Nachhaltigkeit
Sie fordert, so zu wirtschaften, dass eine tragfähige Grundlage für Erwerb und Wohlstand gewährleistet wird und die wirtschaftlichen Ressourcen vor Ausbeutung geschützt werden.
  • soziale Nachhaltigkeit
Sie fordert, dass eine auf Dauer zukunftsträchtige und lebenswerte Gesellschaft zu erreichen ist, in alle Mitglieder der Gesellschaft an deren Entwicklung beteiligt werden und diese mitbestimmen dürfen und so ein Ausgleich der sozialen Kräfte gewährleistet wird.

Corporate Definition

Die erste Stufe des Reifegrades eines Unternehmens - Corporate Definition - erreicht jedes Unternehmen nach einer gewissen Zeit selbst, da gesetzliche und tarifvertragliche Vorgaben dies erzwingen. Spätestens ab 50 Mitarbeiter sind definierte Organisationsformen notwendig, da ab dieser Unternehmensgröße der "Flurfunk" nicht mehr alle Mitarbeiter erreichen kann und sich so Fehlleistungen häufen. Spätestens ab dieser Unternehmensgröße wird mit dem Aufbau von Managementsystemen begonnen, zuerst vielleicht noch intuitiv und ohne Vorgaben aus Normen.

Reifestufe Corporate DefinitionFür die Ausbildung einer Reifestufe ist intuitives Vorgehen bei der Erarbeitung von Managementsystemen nicht mehr ausreichend. Es wird der Nachweis gefordert, dass sich ein Unternehmen an Standards hält und gewissen Anforderungen genügt, d.h. dass Managementsysteme auch eingesetzt und kontinuierlich verbessert werden.

Dies wird mit Hilfe von Zertifizierungen oder durchgeführte Awards nachgewiesen. Aber nicht alle Managementsysteme lassen sich zertifizieren. Um dennoch einen Nachweis über die erfolgreiche Anwendung zu erbringen, werden die jährlich erzielten Ergebnisse veröffentlicht. Ein drittes Verfahren ergänzt die Nachweispflicht zur Bestätigung der Erlangung einer Reifestufe. Einzelne Nachweise lassen sich mit Hilfe von Statements über Selbstverpflichtungen erbringen.

 

 

Corporate Quality

Die zweite Reifestufe ist gekennzeichnet durch den Aufbau von grundlegenden Managementsystemen, die dazu beitragen, dass das Unternehmen prozesssicher qualitativ hochwertige Produkte herstellen und liefern kann sowie das Überleben des Unternehmens am Markt gesichert wird. Die Basis stellt dabei die Zertifizierung nach ISO 9001 dar bzw. deren branchenspezifischen Ausprägungen wie z.B. ISO / TS 16949 für Automotive oder IFS (International Food Standard) für die Lebensmittelbranche u.a. dar.  Die Anforderungen gehen aber bezüglich des Lieferanten-, Kunden- und Sicherheitsmanagements über Forderungen der ISO 9001 hinaus.

Reifestufe Corporate QualitySo ist das Lieferantenmanagement mit einem Lieferantenbeziehungsmanagement und dem Supply Chain Management (Management der Lieferkette) zu erweitern und das Risiko in der Lieferkette zu analysieren. 
Im Kundenmanagement ist die Vertriebskonzeption und die Vertriebssteuerung auszubauen sowie das Kundenbindungsmanagement (CRM - Customer Relationship Management). Zudem ist ein Verfahren zu entwickeln, um das Absatzrisiko managen zu können.

Auch das Sicherheitsmanagement ist gemäß OHSAS 18001 (Occupational Health and Safety Assessment) zu erweitern und die Forderungen gemäß SGU (Arbeitssicherheit, Gesundheits- und Umweltschutz) umzusetzen. Ergeben sich aus den Aktivitäten des Unternehmens für die Mitarbeiter und die Umwelt höhere Risiken, sollte dieses Managementsystem ebenfalls zertifiziert werden.

Das Risikomanagement ist das letzte Managementsystem, das in der Reifestufe Corporate Quality umzusetzen ist. Neben den bereits erwähnten Teilen ist das Produkt- und Prozessrisiko zu ermitteln. Die Basis für dieses Managementsystem ist das Gesetz zur Kontrolle und Transparenz im Unternehmen (KonTraG).

Die genannten Forderungen sind in ein integriertes Managementsystem zu einzubinden, um nicht verschiedene sich eventuell gar widersprechende Anweisungen zu erhalten. Sind alle Anforderungen erfüllt, hat man den Reifegrad Corporate Quality erreicht.

  

Corporate Responsibility

Diese Reifestufe wird häufig auch Corporate Social Responsibility genannt. Den ersten Schritt zum Erreichen dieser Reifestufe stellt das Total Quality Management dar. Der Nachweis wird über das Erreichen eines Awards erbracht. Es bieten sich hier drei Möglichkeiten an. In Europa spielt der EFQM Excellence Award die bedeutendste Rolle. Je nach Kundenmarkt bietet sich aber auch der Malcolm Baldrige National Quality Award (USA) oder der Demin Price (Japan) an.

Reifestufe Corporate ResponsibilityDer nächste Schritt ist der Aufbau eines Umweltmanagementsystems. Hier hat man die Wahl zwischen der ISO 14000 oder dem EMAS II (Eco Management and Audit Scheme). Ob man dieses System auch zertifizieren lässt, sollte genau überlegt werden. In der Literatur wird beschrieben, dass über den KVP (kontinuierlicher Verbesserungsprozess) nach einigen Jahren keine wesentlichen Verbesserungen mehr zu erreichen sind, da die Produktion die Belastungen für die Umwelt vorgibt.

Das Energiemanagement nach DIN EN 16001 bzw. ISO 50001 ist ein weiteres Element, das Anforderungen an ein Unternehmen stellt. Es fordert ein Energiemonitorring, das die Informationen für den KVP liefert, um den Energieverbrauch immer weiter senken zu können. Weiter ist es die Basis für CO2- oder Ökosteuernrückerstattungen.

Die Reifestufe wird durch ein Werte-Management vervollständigt. Hierzu stehen drei Möglichkeiten zur Verfügung, an denen man das Werte-Management ausrichten kann:

  • Global Compact der UN

Hierbei handelt es sich um einen im Jahr 1999 veröffentlichten weltweiten Pakt zwischen Unternehmer und der UNO, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten. Jedes Unternehmen kann mit einem Brief erklären, dass es sich in Zukunft darum bemüht, die geforderten sozialen und ökologischen Mindeststandards einzuhalten. Es gibt derzeit keine Organisation, die überprüft, ob die Unternehmen diese Eigenverpflichtung auch einhalten.

  • Corporate Governance

Es handelt sich um nationale Regelungen, häufig im Aktiengesetz verankert, die einen Ordnungsrahmen für Unternehmen mit den Themen internationale und nationale Regelungen, Vorschriften, Werte und Grundsätze abstecken. 

  • Swiss Code of Ethics

Der Verein Swiss Code of Ethics zertifiziert Unternehmen, die sich zu Einhaltung ethischer Grundprinzipien verpflichten und die entsprechende Regelungen für das Unternehmensverhalten eingeführt haben.

 

Environmental Responsibility

Die höchste Reifestufe erreicht ein Unternehmen, wenn es die Wertorientierung in den Unternehmensstrukturen und Prozessen bilanziert und in der Finanzwirtschaft den Economic Value Added (EVA) ausweist, der eine absolute Nettogröße des Gewinns abzüglich des eingesetzten Gesamtkapitals darstellt.

Auf dieser Stufe ist eine Öko-Bilanz gefordert, die die von Unternehmen verursachte Umweltbelastung angibt. Statements über die Selbstverpflichtung zur sozialen und gesellschaftlichen sowie zur ökologischen Verantwortung und zum nachhaltigen Handeln schließen die Anforderung an ein Unternehmen der Reifestufe Environmental Responsibility ab. Alle Dokumente sind zu veröffentlichen und die eigenen Lieferanten zu verpflichten, sich ebenfalls zu nachhaltigem Handeln zu bekennen.

  

Schlussbetrachtung

Das System beruht im wesentlichen auf zwei Grundlagen, zertifizierbaren Managementsystemen und Selbstverpflichtungen. Mit Zertifizierungen lässt sich relativ einfach nachweisen, dass ein Unternehmen bestimmte Anforderungen erfüllt. Bei den Selbstverpflichtungen verhält es sich ganz anders. Hier ist kein direkter Nachweis möglich, vielmehr basiert das System auf Glaubwürdigkeit, die die Stakeholder dem Unternehmen entgegenbringen.

Da Glaubwürdigkeit nur langfristig gewonnen aber kurzfristig verloren werden kann, ist der Erfolg eines auf Glaubwürdigkeit basierenden Systems nur gegeben, wenn die gestellten Anforderungen nicht verletzt werden. Dies zu gewährleisten ist die Herausforderung, die sich die Unternehmensleitung stellen muss. Steuern lässt sich dies nur mit dem Aufbau einer entsprechenden Unternehmensphilosophie, die alle Mitarbeiter erreichen und mitnehmen kann.

Der Aufbau eines solchen Systems benötigt Zeit und belastet die Ressourcen im Unternehmen. Nicht jedes Unternehmen ist so stark aufgestellt, dass es in kurzer Zeit ein derartiges System der Unternehmensführung aufbauen kann. Da im System aber die Verpflichtung existiert, ein Bekenntnis der eigenen Lieferanten zum nachhaltigen Handeln zu fordern, kommt langfristig kein Unternehmen um die Einführung eines entsprechenden Managementsystems herum. Gleichzeitig verhindert das System durch die aufgestellten Anforderungen, dass Lieferanten, die noch nicht alle Forderungen für nachhaltiges Handeln erfüllen, diskriminiert werden.

Die Frage wird am Ende nicht lauten, ob sich Unternehmen ein Managementsystem zum nachhaltigen Handeln geben sondern nur, bis wann sie diese Forderungen erfüllen werden. Je früher ein Unternehmen sich den Aufgaben stellt, desto sicherer wird es seine Marktposition behaupten oder gar ausbauen können. Es schein wohl so zu sein, wie die letzte Krise zeigt, dass Unternehmen mit nachhaltigen Handeln leichter Krisen überstehen, als andere Unternehmen. Vielleicht deswegen, weil sie die Stakeholder verstehen, dadurch weniger Widerstand aufbauen und schneller Antworten auf sich situativ stellende Fragen erarbeiten können.